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Innere Heilung

Weißt du nicht, wie wertvoll du bist?

Zwei Frauen erzählen von ihrem Weg aus der Bulimie

Leere Chipstüten, Schokoladenpapiere und Pizzakartons liegen um Jana verstreut. Sie kauert in einer Ecke in ihrem Zimmer, hält sich die Hände vors Gesicht und weint erbärmlich. Was ist passiert?

Viele junge Menschen leiden heute unter Bulimie, um einem von der Gesellschaft vorgeschriebenen Schönheitsideal zu entsprechen. Auch Jana ging es so. Sie erzählt uns, wie es dazu kam und wie sie einen Ausweg fand.

Jana, wer bist du? Woher kommst du?

Ich heiße Jana Ajupov. Ich komme aus der Ecke zwischen Hannover und Bielefeld, bin 21 Jahre alt und studiere Wirtschaftspsychologie in Bielefeld.

Du sagst, du hattest als Teenager Bulimie. Wie hat das alles angefangen?

Ich war eigentlich ein ganz normaler Teenager. Bei uns in der Familie war Schönheit schon immer irgendwie ein Thema. Im Alter von 13/14 habe ich dann angefangen, mich selbst noch mehr wahrzunehmen und mich mit anderen zu vergleichen. Ich war ziemlich unzufrieden mit meinem Körper und wollte gern ein bisschen abnehmen. Ich wollte gern so aussehen, wie die im Fernsehen oder allgemein in den Magazinen, was man überall so sieht. So perfekt schlank.

Am Anfang war es erst mal nur Gerede, aber irgendwann habe ich einfach ein bisschen weniger gegessen, Sport getrieben, eine Diät gemacht … Das hat auch gut geklappt für ein paar Monate. Aber ich merkte schnell, dass ich in dem Bereich wahrscheinlich nicht ganz normal denke und dass sich mein Denken veränderte. Irgendwann habe ich dann den Tick zum Abnehmen verloren, war aber trotzdem unzufrieden und verzweifelt. Und als ich mich dann nicht mehr so genau an alles gehalten habe, was in der Diät vorgeschrieben war, bin ich zum ersten Mal auf die Toilette gegangen und dachte: »Ich übergebe mich einfach mal.« Und so bin ich in die Bulimie gerutscht.

Wann hast du gemerkt: Ich habe ein Problem!

Schon beim ersten Mal, als ich gebrochen habe, merkte ich: »Das ist eigentlich nicht normal.« Es gibt ja verschiedene Essstörungen. Es gibt ja auch Anorexie, wo Menschen einfach immer weniger essen. Für diese Menschen ist es viel schwerer zu erkennen, dass sie ein Problem haben. Aber wenn man brechen geht, dann weiß man: Das ist nicht normal! Ich wusste von Anfang an, dass das eigentlich nicht gut ist. Und ich war ehrlich gesagt auch geschockt darüber, dass ich das gemacht habe. Als ich dann aber ungefähr eine Woche später in eine Situation kam, wo ich wieder nicht geschafft hatte, was ich wollte, habe ich nochmal gebrochen und nochmal und nochmal.

Wie oft hast du dich übergeben?

Am Anfang war es vielleicht so vier- bis fünfmal in der Woche, zum Ende hin manchmal achtmal pro Tag. Am Anfang habe ich mich nur übergeben, wenn ich etwas gegessen hatte, was ich nicht so cool fand. Aber irgendwann kamen dann die krassen Fressanfälle dazu. Dann isst man wirklich enorm viel. Man isst alles wahllos, vor allem die Dinge, die man sich verboten hat. Zum Beispiel eine ganze Tüte Chips und Schokolade und Süßes …

Das fühlt sich richtig eklig an. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich das gar nicht selbst bin. Ich war in dem Moment einfach völlig unkontrolliert und konnte es überhaupt nicht steuern, habe einfach alles in mich hineingestopft. Hinterher kam ich plötzlich wieder zu mir und war so sehr geschockt darüber, was ich getan hatte, dass ich wieder brechen ging. Denn ich hatte ja trotzdem immer noch das Ziel, Gewicht zu verlieren. Ich bin immer noch einem bestimmten Ideal nachgelaufen, das ich erreichen wollte. Und das hat sich halt gesteigert.

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Du sagst, Bulimie sei eigentlich ein psychisches Problem? Wie meinst du das?

Ich habe mich extrem gehasst. Ich war aggressiv und hatte solche krassen Ängste, Selbstzweifel und Panikattacken: vor dem Essen, aber auch vor dem Zunehmen. Ich dachte: »Was ist, wenn die Menschen mich nicht mehr lieben und ich abgelehnt werde, wenn ich so und so aussehe.« Oder: »Ich will doch gern so schön sein, um den und den zu beeindrucken.« Man ist so entsetzlich in sich selbst gefangen. Das Erste, woran man beim Aufwachen denkt, ist Essen, und das Letzte vor dem Schlafengehen auch. Es nimmt das ganze Leben ein. Eigentlich dreht sich das ganze Leben nur ums Gewicht, ums Aussehen. Ich habe immer auf jedes Lebensmittel geachtet und wie viele Kalorien da drin sind. Kalorien waren praktisch mein Gott. Ich hatte auch sehr große Schuldgefühle, wenn ich gegessen habe, meinte immer, ich begehe eine Sünde oder so etwas.

Am Anfang war es wirklich nur wegen der Figur, dass ich abnehmen wollte, aber irgendwann wurde das Brechen zu einem Ventil, um mit Problemen klarzukommen. Ich hatte zum Beispiel einen Streit mit einer Freundin. Zu der Zeit strengte ich mich gerade so an, vom Brechen frei zu werden, aber durch den Streit bin ich sofort rückfällig geworden.

Wie präsent war das Thema in deiner Familie und in deinem Freundeskreis?

In meiner Familie war es immer wichtig, sehr schlank zu sein. Aber auch unter meinen Freunden war es ein Thema. Wenn ich ganz schlanke Freundinnen hatte, dann wollte ich unbedingt so aussehen wie sie. Das hat mich völlig kaputt gemacht, und es hat auch die Beziehung zu dieser Person zerstört.
Haben die anderen etwas gemerkt? Konntest du darüber reden?

Meine Familie hat es auf jeden Fall gemerkt und sehr darunter gelitten. Manchmal bin ich nur in die Küche gekommen und meine Mutter hat angefangen zu weinen, weil sie es nicht mit ansehen konnte, dass ich so leide.

Aber sonst wussten es nur sehr wenige Menschen. Am Anfang fast gar niemand, am Ende ein paar enge Freunde und Menschen, die mir helfen wollten. Ich habe mich insgesamt sehr zurückgezogen. Viele Bulimiekranke sind ja auch normal- oder übergewichtig. Deshalb kann man eine Erkrankung nicht allein am Aussehen erkennen. Menschen haben es eher daran gemerkt, dass ich sehr depressiv wurde. Ich bin von der Persönlichkeit her eher ein sehr frischer Mensch, der viel Witze macht, gerne lacht … Menschen kamen dann zu meiner Familie und fragten, was mit mir los sei und warum ich so deprimiert und traurig aussehe. Aber ich konnte irgendwie nicht darüber reden, weil ich mich so sehr dafür schämte.

In dem Umfeld, wo ich aufwuchs, musste nach außen auch alles immer perfekt sein. Es gab eigentlich »keine Probleme«. Hätte ich anderen von meiner Situation erzählt, wäre das voll der Skandal gewesen. Und das wollte ich nicht.

Wie war deine Beziehung zu Gott in dieser Zeit? Konnte der Glaube dir helfen?

Während der Zeit habe ich auf jeden Fall gebetet. Ich habe Gott geliebt, weil er so gut ist. Aber in dieser Zeit habe ich mich auch immer mehr von ihm distanziert, weil es nur noch um mich selbst ging und meine Sorgen und Probleme. Ich glaube, ich war nicht wirklich bereit, diese Sucht loszulassen, weil ich Angst davor hatte, was passiert, wenn ich nicht mehr breche. Dann könnte ich ja vielleicht zunehmen … Ich glaube, ich wollte gar nicht wirklich frei werden.

Aber irgendwann habe ich gemerkt: »Jana, du schaffst das nicht! Du kommst hier einfach nicht allein raus.« Ich glaube, das ist das Wichtigste, um frei zu werden: dass man sich eingesteht und auch lernt sich einzugestehen: »Ich brauche wirklich Hilfe!« Und das ist keine Schande! Ich wollte einfach nicht mehr und sagte mir: »Das kann so kein Leben sein. Wenn Leben so ist, dann möchte ich nicht mehr leben.« Meine Lebenskraft war am Ende. Ich kam einfach nicht mehr klar mit mir selber, sowohl äußerlich wie auch innerlich. Ich habe einfach alles an mir gehasst.

Du sagst, du gingst in eine Therapie. Wie erfolgreich war sie?

Am Anfang war halt immer dieser Druck: »Was denken die Menschen von mir, wenn ich jetzt plötzlich in Therapie gehe. Das ist doch voll peinlich.« Aber dann mit 16 entschied ich mich für eine Therapie. Diese Zeit war nicht leicht, und die Therapie an sich hat mir auch nicht wirklich geholfen. Ich hatte dort mit sehr vielen Dingen zu kämpfen.

Aber eines half mir: Plötzlich habe ich verstanden, dass Menschen mir wirklich nicht helfen können, auch die Therapeuten nicht, und dass ich Jesus unbedingt brauche. Mir wurde bewusst: »Jesus ist irgendwie meine einzige Hoffnung!« Genau das brauchte ich, die Erkenntnis: »Ich brauche Gott, und zwar richtig!«

Ich erinnere mich an Gebete, wo ich einfach nur zu Gott geschrien und geweint habe. Aber gerade dann habe ich gemerkt: »Gott ist wirklich da! Gott hört mich auf jeden Fall!« Mir wurde dort auch ein Bibelvers besonders wichtig.

Da heißt es: »Ihr sollt leben zum Lobpreis meiner Herrlichkeit.« (Epheser 1,12) Und irgendwie wurde mir dort zum ersten Mal richtig bewusst, dass ich nicht für mich selber, sondern für Gott leben soll. Und ich dachte: Eigentlich will ich das, aber trotzdem lebe ich eigentlich gar nicht für Gott.

Und dann kam die Wende, nicht wahr? Wie geschah das?

Ich erinnere mich an einen Tag, wo ich wieder zur Toilette gehen wollte, um mich nach dem Essen zu übergeben. Auf der Hälfte des Weges war es so, als würde Gott mich in meinem Herzen fragen: »Jana, machst du das jetzt zum Lobpreis meiner Herrlichkeit?« Es war keine anklagende Frage oder so. In dem Moment war ich wirklich geschockt. Ich bin stehen geblieben; ich habe mich plötzlich so beobachtet gefühlt und dachte: »Ich kann doch da jetzt nicht reingehen.« Und so bin ich wieder umgekehrt in mein Zimmer und bin nicht brechen gegangen.

Und ich weiß noch: Ungefähr nach zwei Wochen habe ich zurückgeschaut und habe mich gefragt: »Jana, wann hast du eigentlich das letzte Mal gebrochen? Und wann hast du das letzte Mal überhaupt daran gedacht zu brechen? Und wann hast du das letzte Mal Kalorien gezählt?« Das war dann genau der Moment, in dem ich merkte: »Irgendwie bin ich frei von dem Wunsch zu brechen! Die Sucht ist weg!« Und ich hatte überhaupt keinen Kampf damit! Ich habe nicht überlegt: »Geh ich jetzt brechen oder nicht?« Ich habe gar nicht darüber nachgedacht! In dem Moment dachte ich: »Krass, Jesus hat tatsächlich meine Gedanken geheilt!« Das war menschlich nicht zu erklären. Das war nicht normal! Das war wirklich ein Wunder! Ich war so tief in dieser Essstörung drin gewesen … Das zu erleben, war extrem befreiend.

»Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin!« PSALM 139,14

Jana, du sagst, dass Gott deine Gedanken geändert hat. Wie meinst du das?

Gott sagte zu mir: »Jana, es ist voll okay, wie du bist, auch wenn das Idealbild ganz anders aussieht. Du musst nicht so aussehen, und es hat auch nichts mit deinem Wert zu tun.« Ich glaube, das zu verstehen, hat mir wirklich Heilung gebracht. Nicht die Welt bestimmt, wie wertvoll ein Mensch ist, sondern Gott!

Heute glaube ich, dass es dieses perfekte Idealbild gar nicht gibt. Es wird uns vorgegaukelt. Aber es ist einfach unlogisch, dass alle so aussehen müssen. Es war für mich unglaublich befreiend zu erleben, dass man etwas anderes genauso schön finden kann und kein Ideal im Kopf hat. Ich habe so viel Schönheit entdeckt in so vielen Körperformen. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, ich müsste nach irgendetwas streben. Natürlich habe ich nach der Bulimie wieder zugenommen, aber – es ist seltsam – jetzt finde ich mich sogar schöner als damals. (Jana lächelt.)

Ich habe auch gelernt, dass meine Identität nicht vom Aussehen abhängig ist. Das war enorm wichtig. Gott spricht mir eine Identität zu, die so viel schöner ist! Ich habe gelernt, dass es im Leben wirklich, wirklich, wirklich nicht ums Aussehen geht!

Und ich habe einfach gemerkt: »Ich will nicht mehr nur für mich selber leben! Ich will mich nicht mehr nur um mich selber drehen!« Wenn ich einmal hoffentlich 80 Jahre alt werde, dann will ich nicht sagen müssen: »Oh, mein ganzes Leben lang ging es nur um meinen Körper!« Nein! Es geht darum: »Was habe ich in meinem Leben getan? Wo habe ich meine Zeit investiert?« Ich möchte lernen, wirklich von ganzem Herzen mit Jesus zu leben und Menschen zu lieben. Das ist eine viel bessere Schönheit, als einfach nur gut auszusehen!

Hattest du Rückfälle?

Gebrochen habe ich nie mehr. Aber ich hatte immer wieder Angst vor dem Essen. (Ich glaube, da muss man sich Zeit geben, gnädig mit sich selbst sein und weiterkämpfen.) Aber selbst wenn irgendetwas in mir hochkam, was ich erst verarbeiten musste, oder wenn ich irgendeine Panikattacke oder Angst vor dem Essen hatte, dann wusste ich genau: »Gott ist da! Er tröstet mich, er fängt mich auf, er lässt mich nicht los und er geht mit mir. Er wird mich niemals verlassen.« Das hat mich gehalten. Ich erinnere mich: Meine Bibel war manchmal nass geweint – ich ging gleichzeitig noch durch eine andere schwere Zeit – , aber ich hatte so einen tiefen, inneren Frieden! Ich wusste: »Egal, wie die Umstände sind, ich habe diesen Zufluchtsort! Gott ist da!«

Was kann man Betroffenen noch raten?

Das erste, was ich raten würde, ist: Jesus! (Jana strahlt glücklich.) Von ganzem Herzen Jesus! Es ist gut, ganz viel über Jesus zu lesen, wie er ist – in der Bibel, oder auch im Internet googeln. Jesus ist nicht irgendeine Aura oder irgendjemand, der vor 2000 Jahren lebte. Er ist wirklich da, er ist lebendig, und er liebt mich mehr als sein eigenes Leben! Und dieser Jesus will sich um mich kümmern!

Und dann würde ich sagen: »Gib die Hoffnung nicht auf! Egal, wie oft du gefallen bist, das heißt nicht, dass du wieder bei Null anfangen musst. Nein, das musst du nicht! Geh einfach weiter!«
Ich habe auch angefangen, ganz viel mit Gott über meine Gedanken und Fragen zu sprechen. Gott redet, er spricht! Gott ist nicht still! Wenn wir Gott brauchen, gibt er uns Antworten.

»Nicht die Welt bestimmt, wie wertvoll ein Mensch ist, sondern Gott!«

Und mir hat auch Lesen sehr geholfen, zum Beispiel wissenschaftliche Bücher über Essstörungen: Was passiert im Körper, wenn man eine Essstörung hat? Was passiert in der Zeit danach, wenn sich der Körper wiederherstellt. Es hat mir sehr geholfen, Erfahrungen von anderen Frauen zu lesen, und dann zu wissen: Krass, bei mir war das auch so! Das ist normal!

Können Betroffene auch selbst etwas tun?

Ja. Ich empfehle: »Kämpfe aktiv und ganz bewusst gegen deine Ängste!« Sie gehen normalerweise nicht einfach so weg von jetzt auf gleich. Am besten, man hat Menschen, die einem dabei helfen.
Mir hat es auch geholfen, einfach über andere Sachen nachzudenken, die Gedanken mit Gutem zu füllen und andere Prioritäten im Leben zu setzen – ein Hobby, Menschen zu helfen … Wir haben die Macht darüber, unsere Gedanken zu kontrollieren; wir sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Wenn man sich nur damit beschäftigt, wie man noch schöner aussieht, dann werden sich auch die Gedanken ständig darum drehen.

Ich glaube, dass in unseren Gedanken ein Kampf zwischen Wahrheit und Lüge stattfindet, und dass wir die Macht haben, uns zu entscheiden, wem wir die Kontrolle in die Hand geben. Man kann sich selbst immer wieder sagen: »Ich bin so hässlich!« Und wenn man sich das immer wieder sagt, wird man es irgendwann glauben. Aber man kann sich auch sagen: »Nein, ich will mir das nicht mehr einreden! Ich denke über etwas anderes nach!« Man muss sich ja deshalb nicht himmel-wunderschön finden. Aber man kann seinen Körper annehmen als ein Geschenk, denn ohne ihn würden wir nicht existieren. Wir dürfen wissen: Wir sind geliebt! Gedanken haben eine große Macht darüber, wie es uns geht.

Was denkst du? Sollte man sich Hilfe suchen?

Ich würde immer sagen: »Such dir Hilfe!« Das ist keine Schande! Es gibt Betroffene, die darüber sprechen, wie sie frei geworden sind. Man kann im Internet googeln. Manche haben auch Essstörungen wegen einer richtig schweren Vergangenheit wie Misshandlungen. Da ist es natürlich nochmal ganz anders als bei mir. Vor allem dann würde ich raten: Such dir (auch professionelle) Hilfe!

Was kann man Angehörigen raten?

Angehörigen würde ich gern die Last abnehmen und sagen, sie brauchen nicht denken, sie müssten die betroffene Person retten und wären für sie verantwortlich. Viele Angehörige gehen daran fast zugrunde. Meine Familie wollte mir so sehr helfen und hätte alles für mich getan. Aber der Betroffene muss es SELBST WOLLEN. Es ist wichtig, für diese Person da zu sein, ihr Liebe zu schenken, das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, sie zu ermutigen, Hilfe zu suchen, ihr zu sagen, dass sie wertvoll ist. Man kann ihr auch sagen, dass sie das nicht machen braucht, was sie tut, also die Wahrheit in ihr Herz sprechen lassen. Aber wenn diese Person es einfach nicht annimmt, dann ist es wichtig, wieder loszulassen und die Verantwortung, den anderen zu heilen, abzugeben. Manchmal brauchen diese Menschen auch einfach nur Zeit.

Und dann würde ich immer sagen: Beten hilft! Bete für diese Menschen!

Was sollten Menschen im Umgang mit anderen vermeiden?

Menschen sollten niemals dumme Kommentare über das Aussehen anderer abgeben, die einfach unnötig sind. Zum Beispiel in der Straßenbahn: »Du bist aber hässlich!« Oder selbst wenn man einfach nur mitleidig fragt: »Oh, du hast wohl zugenommen?« In unserer Gesellschaft wird das meistens negativ gewertet. Die meisten in unserer Kultur würden sich verletzt und abgewertet fühlen oder es als Angriff verstehen. Ich denke immer: »Warum musstest du ihr das jetzt sagen? War das jetzt wirklich nötig?« Bei mir waren solche Aussagen richtig aktive Sätze, die in meinem Kopf die ganze Zeit arbeiteten. Oft sind es solche Sätze, die mit dazu führen, dass man eine Diät beginnt, in die Bulimie rutscht …

Aber man selbst darf bei solchen Aussagen natürlich nicht in die Opferrolle fallen und sagen: »Der und der hat das und das gesagt! Deswegen ist das alles seine Schuld.« Nein, man ist trotzdem selbst verantwortlich, denn man hat es ja geglaubt. Sag »Nein!« zu dem, was die anderen sagen. Und selbst wenn man zugenommen hat: »Was soll’s?« Man ist trotzdem geliebt von Menschen und von Gott. 

Teil 2: Interview mit Madlen Leune: »Ich hatte den Eindruck, nie genug zu sein.«

Madlen, wer bist du? Woher kommst du?

Ich bin Madlen Leune, 35 Jahre alt und seit acht Jahren alleinerziehende Mutter von drei Töchtern. Gebürtig kommen wir aus Merseburg in Sachsen-Anhalt. Ich bin gelernte Hotelfachfrau, habe aber 2014 eine zweite Ausbildung zur Erzieherin gemacht, weil das Leben in der Gastronomie unserem Familienleben nicht gut tat.

Aus welchen Familienverhältnissen kommst du?

Ich bin in einer (eigentlich) ganz normalen Familie in Ostdeutschland aufgewachsen, mit zwei Kindern, Mutter und Vater. Meine Mutter ist gelernte Leuchtenfertigerin, konnte aber nach dem Fall der Mauer mit diesem Beruf nicht mehr viel anfangen, und so hat sie mal hier, mal da gejobbt. Mein Vater war Anlagenmechaniker. Obwohl beide arbeitstätig waren, waren meine Eltern immer für uns da und versuchten, uns immer das Beste zu geben. Allerdings hatte mein Vater Alkoholprobleme. Er trank gern mal ein Bier zu viel. Das führte oft zu Konflikten.

Zwischen mir und meiner zweieinhalb Jahre jüngeren Schwester gab es starke Konkurrenzkämpfe. Wir machten beide unsere Werte sehr von äußerlichen Faktoren abhängig. Wir waren beide gleich groß, und so kamen Fragen auf wie: »Wer ist schlanker? Wer passt am besten in die neue Hose?« Wir verglichen uns immer miteinander. In der Schule und später auch in sportlichen Aktivitäten war sie immer besser als ich. Sie konnte alles besser, sah besser aus. Ich hatte immer den Eindruck, sie ist wertvoller als ich. Auch meiner Mama war ihr Aussehen sehr wichtig – ihre Haare, ihre Figur. Nahm sie zu, war sie sehr deprimiert. Das alles war sehr schwierig und hat mich sehr geprägt.

Meine Mutter und ich hatten aber eine sehr liebevolle Beziehung zueinander. Ich war ein Stück weit ihre beste Freundin; ich war wie eine Seelsorgerin für sie. Das war schön, aber das machte es mir auch nicht leicht, mich normal zu entwickeln, und ich wurde sehr schnell erwachsen. Ich bekam sehr viele Schwierigkeiten in der Ehe meiner Eltern mit und wurde ziemlich schnell mit den Schwierigkeiten des Lebens vertraut. Aber ich hatte keinen wirklichen Ausweg, und Gott kannte ich zu dieser Zeit noch nicht.

Als du 14 warst, geschah etwas Lebensveränderndes. Was war das?

Als ich 14 war, lernten wir im Biologieunterricht die Mendelschen Gesetze kennen und wie Vererbung läuft. Da fiel mir auf, dass meine Mama rote Haare und mein Papa dunkle Haare hat. Meine Schwester ist auch dunkel, aber ich bin blond. Einmal stand ich mit meiner Schwester vor dem Spiegel und wir fragten uns: »Was habe ich eigentlich vom Papa und was hast du vom Papa?« Bei meiner Schwester war es eindeutig, aber ich hatte eigentlich nichts von meinem Vater. Da merkte ich: »Irgendwas stimmt nicht!« Ich schien nach irgendeiner anderen Person zu kommen, die ich aber nicht kannte. Kurz nach diesem Erlebnis besuchte ich meine Oma väterlicherseits; meine Mutter war gerade bei meiner Tante. Leicht angetrunken erzählte mir meine Oma ein »Geheimnis«, nämlich dass mein Vater eigentlich gar nicht mein leiblicher Vater war. Ich war völlig perplex. Meine ganze Identität war dahin. Dieses Ereignis riss mir förmlich den Boden unter den Füßen weg. Ich fühlte mich einfach nicht mehr zugehörig zu meiner Familie. Auch verstärkten sich damit die Konflikte zu meiner Schwester.

Mit diesem Ereignis erfuhr ich auch, dass ich noch eine weitere leibliche Schwester von meinem richtigen Vater hatte. Zu ihr hatte ich nie wirklich Kontakt, aber als Kind hatte ich mit ihr im Sandkasten gespielt, ohne zu wissen, dass sie meine Schwester war. Jetzt fand ich es sehr gemein, dass ich nie erfahren durfte, dass sie meine Schwester war und dass ich keinen Kontakt zu ihr haben durfte.
Meine ganze Kindheit lang sehnte ich mich nach Liebe und einer heilen Familie, aber jetzt merkte ich umso mehr, dass ich sie nicht hatte.

Was waren noch Gründe für die Bulimie?

Meine Eltern haben sich nie Gedanken über eine gesunde Ernährung gemacht.

Wir haben immer alles essen dürfen, und das zu jeder Zeit: Cola, zuckerhaltige Getränke, Schokolade, Gummibärchen … Wir haben nie gelernt, mäßig zu sein. Und dann war bei mir auch immer so ein beständiger Frust da – Frust darüber, nicht gut genug zu sein, nicht genügend Leistung zu bringen, nicht schön genug zu sein, nicht geliebt zu sein, nicht gut bei den Jungs anzukommen. Und so wurde das Essen irgendwann zum Frustessen. Ich aß, um meine Sorgen und schlechten Gefühle zu betäuben.

Als Teenager wurde ich dann fraulicher und kräftiger, und die Jungs in der Schule hänselten mich. Unter den Mädchen gab es ständige Konkurrenzkämpfe: »Wer ist schöner? Wer ist besser?« Ich empfand mich nie so schön wie meine Klassenkameradinnen. Und dabei sehnte ich mich so nach Liebe, aber ich konnte sie nicht finden, und so war ich dauerhaft frustriert und unglücklich.

Was war dann letztendlich das Zünglein an der Waage?

Irgendwann erzählte mir eine Freundin – sie hatte große Probleme zu Hause –, dass sie sich bei Schwierigkeiten zu Hause einfach vollstopft. Aber dann hätte sie große Gewissensbisse, und irgendwann hat sie es einfach ausprobiert, ist auf Toilette gegangen und hat gebrochen. Ich habe das gehört und in mich aufgenommen, und irgendwann, als ich wieder aus Frust gegessen hatte, habe ich es auch einfach ausprobiert. Und ich habe mich wirklich leichter gefühlt. Ich habe das dann noch nicht regelmäßig gemacht, aber ich wusste: Wenn ich mal zu viel esse, kann ich es ja wieder die Toilette hinunterspülen. So würde ich wenigstens nicht dicker werden. Ich hatte da schon eine gewisse Angst vor dem Essen und natürlich vor dem Dicksein entwickelt. Damals war ich 15.

Wie ging dein Leben weiter? Wie hat sich das auf die Bulimie ausgewirkt?

Nachdem ich das Brechen mit 15 Jahren zum ersten Mal ausprobiert hatte, kam es anfangs erst mal nur sporadisch dazu, vor allem in Situationen, wo ich frustriert war und deshalb zu viel gegessen hatte. Meine Eltern und meine Schwester haben davon nichts mitbekommen. Ich konnte es gut verheimlichen. Allerdings geriet ich damit schon bald in diesen Teufelskreis, aus dem ich allein nicht mehr rauskam.

Ich machte dann eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Da gab es überall etwas zu essen, überall stand etwas herum – ob es die Kekse waren, die zum Kaffee gereicht wurden, oder in der Küche das Essen. Alles stand immer und überall zur Verfügung. Das traf dann auf meine Unmäßigkeit und diesen Zwang, mir immer alles in den Mund stecken zu müssen oder zu wollen, und irgendwie konnte ich auch
nicht anders. Außerdem war ich dauerhaft unzufrieden. Ich hatte Ärger mit der Restaurantleitung. Ich bin ein Mensch, der eher sehr gewissenhaft und auch recht langsam arbeitet und unter Druck und Stress nicht gut funktioniert. Aber das ist in dieser Branche eben nicht gewünscht. Da muss immer alles »schnell, schnell!« gehen. Ich konnte diesen Anforderungen einfach nicht gerecht werden. Und so plagten mich Gedanken wie: »Ich bin nicht geliebt, nicht wertgeschätzt. Ich mache alles falsch. Ich bin nie genug.« Und so geriet ich immer tiefer in die Bulimie hinein.

Wie war es, als du Kinder bekamst?

Irgendwann wurde ich mit meiner ersten Tochter schwanger. Im ersten Moment war ich richtig glücklich, denn ich hatte nun, was ich wollte: einen Mann, mit dem ich gemeinsam eine Familie gründete; und nun, so meinte ich, könnte ich alles anders machen. Aber dem war nicht so. Dennoch war es so eine Phase, wo ich das Brechen erst einmal lassen konnte. Die Esslust war aber immer noch riesig groß. Ich kannte einfach keine Grenzen, und so nahm ich in der ersten Schwangerschaft sehr viel zu, was sehr an meinem Selbstwert nagte. Deshalb machte ich nach der Schwangerschaft Diäten mit Eiweiß-Shakes und nahm sehr viel ab. Als ich dann mit meiner zweiten Tochter schwanger wurde, wollte ich aber auf gar keinen Fall wieder zunehmen, jedenfalls nicht mehr als nötig. Und das schaffte ich auch. Allerdings begann ich wieder zu brechen.

Das alles ging insgesamt 16 Jahre lang.

Wie hast du dann da rausgefunden?

Irgendwann habe mich verstärkt mit dem Thema Gesundheit beschäftigt, und ich habe liebe Menschen kennengelernt, die mich darin unterstützten. Irgendwann lernte ich auch gläubige Menschen kennen und durch sie die Bibel.

In diesen Entwicklungen wurde mir bewusst: »Gott liebt mich! Er möchte, dass mein Körper ein Wohnort für ihn ist. Er möchte in mir leben!« Ich las in der Bibel die Aussage:

»Habt ihr etwa vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den euch Gott gegeben hat? Ihr gehört also nicht mehr euch selbst. Gott hat euch freigekauft, damit ihr ihm gehört; lebt deshalb so, dass ihr mit eurem Körper Gott Ehre bereitet.« (1.Kor 6,19.20 HFA)

Diese Worte haben mich tief im Herzen berührt. Mit jedem Mal, wo ich mich auf dem Weg zur Toilette befand, dachte ich plötzlich: »Das ist nicht gut, was ich da mache.« Ich spürte das Wirken des Heiligen Geistes an meinem Herzen. Manchmal habe ich mit Tränen vor der Toilette gekniet und Gott angefleht: »Mach mich doch bitte endlich frei davon!« Gott hätte mich durchaus von einem Moment auf den anderen befreien können, aber bei mir tat er das nicht. Bei mir war es eher ein Prozess des Verstehens, und dass ich Dinge umsetzte. Hätte Gott mich in einem Moment geheilt, hätte ich nichts dabei gelernt und immer so weiter gemacht wie vorher.

Wie hat sich deine Lebensweise verändert?

In dieser Zeit habe ich sehr viel über eine gesunde Lebensweise gelernt und was die Bibel dazu sagt. Auch die Gesundheitstipps der Autorin Ellen White halfen mir sehr, die Grundsätze der Bibel noch besser zu verstehen und was sie in der Praxis bedeuten. So habe ich angefangen, diese Dinge umzusetzen und stückweise immer weniger von dem zu essen, was nicht gut für meinen Körper ist.

Ich hatte damals auch viele Unverträglichkeiten, die durch die Bulimie, meine Diäten und Lebensweise, aber auch durch meine Gedanken, meine Angst vor dem Essen kamen. Diese halfen mir nun aber wiederum, auf schlechte Dinge zu verzichten. Heute sind die meisten Unverträglichkeiten – Gott sei Dank – wieder weg.

Ich lernte auch, regelmäßig und nur drei oder zwei Mahlzeiten am Tag zu essen, und nicht ständig zwischendurch, und das tat mir sehr gut. Ich fing an, mich an der frischen Luft und in der Sonne zu bewegen, genügend Wasser zu trinken, ausreichend zu schlafen. Das alles half mir, auch beim Essen mäßiger zu sein.

Durch alle diese Veränderungen nahm diese enorme Esslust ab. Sie kam zwar zeitweise wieder, vor allem durch meine emotionalen Belastungen als alleinerziehende Mutter, und weil ich nie gelernt hatte, mit diesen Gefühlen umzugehen, aber insgesamt wurde es immer besser. Wie bei einem Sonnenaufgang.

Du sagst, Gott hätte auch dein Denken verändert? Wie hat er das getan?

Gott hat mir gezeigt: »Vergib deinen Eltern!« Meine Eltern haben uns nie Mäßigkeit gelehrt. Ich weiß, sie haben das nicht absichtlich getan. Sie wussten es selbst nicht besser und waren selbst Opfer ihrer eigenen Erziehung und Herkunft. Aber ich machte meiner Mutter oft Vorwürfe. Ich wollte ja alles besser machen als sie, sei es die Erziehung der Kinder oder die Lebensweise. Aber je mehr ich auf die Fehler meiner Mutter und meiner Eltern schaute, umso mehr habe ich dieselben Fehler gemacht. Solange ich meinen Eltern nicht vergab, konnte ich selbst nicht frei werden. Mein Herz konnte an dieser Stelle nicht heilen und ich konnte diese schlechten Gewohnheiten nicht loswerden. Als ich ihnen aber vergeben und loslassen konnte, konnte ich auch aufhören, auf ihre Fehler zu schauen. Und das half mir, frei zu werden.
Reichte es, deinen Eltern zu vergeben?

Oft fühlen sich Betroffene unheimlich schuldig und machen sich Vorwürfe für die Dinge, die sie selbst falsch gemacht haben. Oft waren es bei mir genau diese Schuldgefühle, die mich in diesen Teufelskreis trieben, und ich habe versucht, diese schlechten Gefühle zu betäuben. Aber wir dürfen diese Schuld abgeben und Gottes Vergebung annehmen. Ich durfte erkennen: »Ich kann mich nicht selbst retten und aus eigener Kraft frei werden!« Die Bibel sagt: »Wenn euch nun der Sohn frei machen wird, so seid ihr wirklich frei.« (Johannes 8, 36) »Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.« (Johannes 3,16) Das durfte ich erleben: Gott vergibt mir, und er macht mich frei!

Und wir sind auch nicht schuld an den Fehlern der anderen und an dem, was in unserem Leben alles so schief gelaufen ist. Wir haben uns natürlich durch unser eigenes Verhalten schuldig vor Gott gemacht; aber wir brauchen auch nicht die Schuld der anderen oder der Umstände zu tragen. Auch diese Erkenntnis hat mir sehr geholfen.

Wie hast du es geschafft, auch in schwierigen Situationen standhaft zu bleiben?

Durch meinen Zugang zur Bibel lernte ich nun, auch in schwierigen Situationen immer mehr auf Gott zu vertrauen. Eine Aussage in der Bibel wurde mir besonders wichtig:

»Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen.« (Sprüche 3,5-6)

Ich wusste: »Egal, wie meine Situation ist, ich darf mich ganz auf Gott verlassen und auf ihn vertrauen. Er ist bei mir und wird mir helfen.« Ich erkannte: Wir dürfen Schwierigkeiten dankbar aus Gottes Hand nehmen, denn sie sind dazu da, uns zu reinigen, zu läutern. Gott lässt mich nicht allein! Nein, er trägt mich durch!

Ich hatte in meiner Kindheit auch nie gelernt, über meine Gefühle zu sprechen, über das, was in mir vorgeht. Nun konnte ich Gott alles sagen, was mir auf dem Herzen liegt, konnte ihm alle meine Probleme und Sorgen klagen und im Gebet alles in seine Hände legen. Ich konnte sagen: »Herr, ich kann mit der Situation jetzt gerade nicht umgehen. Da sind schlechte Gefühle, die mich überrollen. Ich lege das alles in deine Hände.« Auf diese Weise weiß ich nicht nur, dass ich verstanden, angenommen und geliebt bin, ich fühle es auch. Tue ich das nicht, habe ich immer den Hang zur Unmäßigkeit. Aber wenn ich alle meine Sorgen zu ihm bringe, macht er mich innerlich froh und frei.

Auch merkte ich, dass Unmäßigkeit oft mit anderen Sünden zusammenhängt wie Selbstsucht, oder dass ich andere gern kontrollieren wollte. Immer wenn ich versuchte, alles unter Kontrolle zu halten, hab ich die Kontrolle über mich selbst verloren. Nun lernte ich, diese Situationen an Gott abzugeben.

Hattest du Rückfälle oder Anfechtungen?

Es gab Zeiten, wo ich immer noch mit der Esslust zu kämpfen hatte, aber ich lernte, mich immer weniger von meinem Bauch, also von meinen Gefühlen, sondern immer mehr von meinem Verstand und von Gottes Geist lenken zu lassen.

Es gab auch eine Phase, da wäre ich fast rückfällig geworden. Es war eine Zeit, wo ich mehr oder weniger ganz auf mich allein gestellt war. In der Zeit schaute ich nur auf meine Probleme und auf das, was da jetzt gerade alles auf mich zukommt. Ich fühlte mich wieder wie in der Zeit als Kind: klein, hilflos und allein. So als gäbe es niemand, der mir jetzt in der Situation helfen könne. Aber irgendwann hat mir Gott erneut gezeigt: »Schau auf mich und schau auf Jesus! Ich werde dich da durchtragen!« So konnte ich auch diese Herausforderung durch Gottes Hilfe meistern.

Manchmal fällt es mir auch heute noch schwer, daran zu glauben, dass mein Wert nicht von meinem Äußeren abhängig ist, und mich so anzunehmen, wie ich bin. Aber das Wissen: »Gott liebt mich genauso, wie ich bin, und nichts kann seine Liebe zu mir verändern!« hilft mir, über Anfechtungen hinwegzukommen und mich selbst immer mehr anzunehmen. Und weil mich Gott so liebt und ich ihn auch liebe, möchte ich meinen Körper gern gesund bewahren.

Was würdest du Betroffenen gern sagen?

Ich würde ihnen die folgenden Dinge sagen:

1. Gib nicht auf! Wenn du zu Gott rufst, hilft er dir!

2. Sei offen für die Ratschläge, die Gott uns in seinem Wort schenkt. Nicht unser Bauch, unsere Gefühle bestimmen über unser Essen und unser Leben, sondern unser Verstand und Gottes Kraft in unserem Leben.

3. Aus Frust zu essen, macht nicht glücklicher und hilft auch nicht. Wir dürfen Gott vertrauen! Er hält alles in seinen guten Händen.

4. Du brauchst dich nicht mit anderen zu vergleichen. Gott hat uns so geschaffen, wie wir sind. Das ist sein Ideal. Er liebt uns, und er nimmt uns so an, wie wir sind. Er möchte natürlich, dass wir dann auch gesund leben, aber wir können auch nur das geben, was unsere Konstitution hergibt. Unser einziger Maßstab ist Jesus, und bei ihm zählen die inneren Werte, nicht die äußeren.

5. Vielleicht hast du Freunde, die dir helfen können: jemand, der mit dir spricht, für dich kocht, mit dir betet. Das hilft besonders in schwierigen Zeiten.

6. Essen ist nicht unser Feind! Essen ist ein Geschenk Gottes, um zu leben, Kraft zu haben und gesund zu sein. Das ist die beste Motivation.

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Jana Ajupov | Madlen Leune

Jana Ajupov ist 21 Jahre alt und studiert Wirtschaftspsychologie in Bielefeld.

Madlen Leune ist gelernte Hotelfachfrau und Erzieherin
und alleinerziehende Mutter von drei Mädchen.